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Der Weg zur Erkenntnis

Erkenne dich selbst! [Tempel]

Viele als Weise verehrte vertraten die Auffassung, dass der Weg zur wahren Erkenntnis der äußeren Welt über das Selbst, über das Innere, gegangen werden muss. Mit etwas gesundem Menschenverstand lässt sich verstehen, warum sie dies taten.

Angenommen, die Welt, wie du sie kennst, entstünde erst in deinem Gehirn. Und du willst sehen, ob sie sich vielleicht ganz anders erleben lässt, ganz anders mit dem Verstand begreifen. Wie willst du das anstellen? Eine Möglichkeit dazu wären Experimente mit psychoaktiven Substanzen. Woran merkst du, ob du mit den Drogen direkter in die Wirklichkeit siehst? Gibt es noch andere Möglichkeiten?

Ein Neugeborenes besitzt verglichen mit einem Erwachsenen ein ziemlich ungefestigtes Gehirn, sozusagen dazu bereit, viel Programmcode aufzunehmen. Der gesunde Erwachsene bewegt sich in gefestigten, erprobten und bewährten Gedankenbahnen. Diese festen Bahnen sind durch äußere Einflüsse, durch Lust und Schmerz, eingeprägt worden. Das dauerhafte Vorhandensein dieser Formen muss durch irgendwelche Rückkopplungen stabilisiert sein. Diese Mechanismen versteht die heutige Forschung im Detail noch nicht. Aber die Tendenz über die Zeit ist generell diese: bestimmte Formen werden mit zunehmendem Alter immer mehr gefestigt bis hin zum Altersstarrsinn. Diese Formen bestimmen das Verhalten des Erwachsenen, seinen Charakter, aber auch, wie er die Welt wahrnimmt, wie er seine Sinnesreize zu seiner Welt verbaut.

Dienen die Formen in deinem Gehirn der möglichst direkten Erkenntnis der Wirklichkeit? Nein! Wozu dienen sie dann? Sie unterstützen die Formenbildung auf der Ebene der Software. In der Sprache der Biologie dienen sie der Fortpflanzung, der Behauptung des mit dem Gehirn verbundenen Leibes im Kampf mit seiner Umwelt. In erster Linie dienen sie der biologischen Bestimmung des Organismus. Sie stehen einer direkteren Erkenntnis der Wirklichkeit im Weg!

Der erste Schritt muss demnach sein, die Dominanz der eingeprägten Denkformen zu brechen.

Und als Jesus ein Kindlein herzugerufen hatte, stellte er es in ihre Mitte und sprach: Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehret und werdet wie die Kindlein, so werdet ihr nicht in das Reich der Himmel eingehen. [Matthäus 18]

Bei dieser Forschung können wir uns durch die für besondere praktische temporäre und beschränkte Ziele gebildeten Zusammenfassungen und Abgrenzungen (Körper, Ich, Materie, Geist . . .) nicht hindern lassen. Vielmehr müssen sich bei der Forschung selbst, wie dies in jeder Spezialwissenschaft geschieht, die zweckmäßigsten Denkformen erst ergeben. Es muß durchaus an die Stelle der überkommenen instinktiven eine freiere, naivere, der entwickelten Erfahrung sich anpassende, über das Bedürfnisse des praktischen Lebens hinausreichende Auffassung treten. [Mach I.13.]

In der brahmanischen Zeit Indiens gab es das Rezept, nach abgeschlossener Erziehungsarbeit und Arbeit für die Gesellschaft letztere zu verlassen und alleine in den Wald zu ziehen. Nicht nur Rückkopplungen im eigenen Gehirn stabilisieren die darin geschaffenen Formen, sondern insbesondere auch Wechselwirkungen mit der menschlichen Umwelt. Diese Wechselwirkungen haben beim Werden der Formen im eigenen Gehirn maßgeblich mitgewirkt. Danach haben überindividuelle, soziale Rückkopplungen mitgeholfen, das Geschaffene stabil zu halten. Die Ausschaltung dieser störenden Einflüsse sollte durch Einsiedelei erreicht werden. Der Wald bietet aber noch mehr: die unmittelbare Sicht auf den steten Wandel der Substanz, das Fehlen jeglicher absolut scharfen Grenzen, wie sie die Menschen so gerne haben.

Einer, der in der Stadt aufwächst, belegt dann dasjenige, was Realität sei, mit lauter Vergleichen, die gar nicht die Wirklichkeit als solche betreffen, sondern Produkte, die wir selbst zur Wirklichkeit gemacht haben. Die alte Betrachtungsweise ist analytisch-linear, d.h. zerlegend und eindeutig ursächlich, weil sie gewisse Dinge aus dem Kontext löst. Sie kann das Ganzheitliche nicht erfassen und führt deshalb im wesentlichen in die Irre.
[Dürr P&E III.]

Der Meister kann auch durch scheinbar unsinnige Fragen oder Antworten - wie in den Zen-Koans - versuchen, die eingefressenen Bahnen im Gehirn des Schülers aufzubrechen:

(11) Jesus sprach: „Dieser Himmel wird vergehen, und der über ihm wird
vergehen. Und die Toten sind nicht lebendig, und die Lebendigen werden
nicht sterben. In den Tagen, in denen ihr aßet von dem, was tot ist, machtet
ihr daraus, was lebendig ist. Wenn ihr im Licht sein werdet, was werdet ihr
tun? An dem Tag, als ihr eins wart, seid ihr zwei geworden. Aber wenn ihr
zwei werdet, was werdet ihr tun?“
[Thomas]

Ein solches Aufbrechen geschieht bei manchen Menschen von selbst nach Erreichen einer kritischen Masse fragender Gedanken. Bei fast allen Menschen geschieht es einmal in ihrem Leben während der Pubertät. Auch in der Pubertät müssen gefestigte Formen mit Macht aufgebrochen werden, um für die Neuprogrammierung Raum zu schaffen. Bei nur wenigen Menschen tritt allerdings während der Pubertät eine philosophische Erkenntnis ein. Oft ist es eher so, dass sich der offene Geist des Kindes auf weniges verengt. Der Grund hierfür ist eine bestimmende Richtungsvorgabe durch die Biologie. Die Neuprogrammierung geht einher mit der Geschlechtsreife des Leibes und der Geschlechtstrieb gibt die Richtung für die neuen Gedanken vor.

Zur Erreichung der philosophischen Erkenntnis ist es erforderlich, während der Neuprogrammierung Willen und Triebe auszuschalten.

Erst dann ist ein unvoreingenommener, ungetrübter Blick des geistigen Auges möglich. Das Ausschalten sollte aber nicht missverstanden werden. Keineswegs ist es notwendig, zum Beispiel den Willen, etwas zu essen, oder den Geschlechtstrieb auszuschalten. Das wären nutzlose Unterfangen. Es ist lediglich notwendig, während der geistigen Betrachtung der Welt in einem willenlosen Zustand zu sein. Der Wille zu erkennen, ist auf diesem Weg freilich vorhanden. Aber es wechseln sich Phasen des Wollens und Suchens ab mit willenlosen Phasen, in denen sich die Antworten auf die zuvor innerlich mit Nachdruck gestellten Fragen wie von selbst formen - ähnlich wie sich während eines Traums eine Problemlösung auftun kann, nach der im wachen Zustand vergeblich gesucht worden ist.

Der Weg ist nicht ungefährlich!

Nie hat es einen großen Geist ohne eine Beimischung von Wahnsinn gegeben. [Seneca-T1]

Jemand findet einen anderen Geist wahnsinnig, wenn er dessen Ziele nicht nachvollziehen kann oder will. Dummheit ist hingegen, wenn jemand durch unpassendes eigenes Handeln die von ihm selbst gewollten Ziele nicht erreicht. Dummheit ist nicht, dass jemand andere Ziele hat wie man selbst. Denn es gibt überhaupt keinen Grund, den ein Mensch liefern könnte, warum das eine oder das andere Ziel das Bessere sein sollte. Senecas Satz mag nun zweierlei ausdrücken:

  • Die Umgebung des Genies erkennt dessen Ziele zum Teil nicht an, es ist ein unverstandenes Genie.
  • Das Aufbrechen der gefestigten, erprobten und bewährten Gedankenbahnen hat einigen neuen, eher nicht alltagstauglichen Verhaltensweisen Platz geschaffen.

Die Erfahrungen mit Drogen haben gezeigt, dass das Ergebnis des Aufbrechens nicht das ursprünglich gewollte sein muss. Der Weg ist somit nicht ganz ungefährlich in dem Sinn, dass das Denken am Ende woanders landet, als es anfangs gewollt war.

Die Meditationstechniken der (c) Versenkung und (d) Analyse sind nicht ohne Gefahren. Ein Zuviel hat psychisches Ertrinken zur Folge, unvorsichtige Handhabe kann zu geistigem Dérangement führen. In den psychiatrischen Kliniken in Colombo, Rangun und Bangkok gibt es Patienten, die ihre geistige Gesundheit durch falsche Meditation eingebüßt haben. Die Freunde der Meditation sehen dies als Beweis für die Wirksamkeit der Meditation an, die bei richtiger Anwendung folglich heilsame Ergebnisse zeitigen müsse. [Schumann]