Sie sind hier

Wie kann das Abgeteilte erlöst werden?

Die Entwicklung der Welt erscheint zufällig. Dabei ist es einerlei, ob der Zufall wie in der Kopenhagener Deutung der Quantentheorie inhärent ist oder die Welt sich deterministisch entwickelt, etwa wie in der de-Broglie-Bohm-Deutung, und die zeitliche Entwicklung extremst empfindlich von den Anfangsbedingungen abhängt, wobei die Anfangsbedingungen wieder zufällig erscheinen.

Dem menschlichen Verstand erscheint die Entwicklung der Welt zufällig. Nach der Entwicklung von Wertbegriffen durch das bewusste Denken wie „gut“ und „schlecht“ sowie „Belohnung“ und „Bestrafung“ muss solch eine Welt zwangsläufig ungerecht sein.

Und so wandte ich mich um und sah alle Bedrückungen, die verübt werden unter der Sonne; und siehe, da flossen Tränen von Unterdrückten, die keinen Tröster hatten; und weil die Hand ihrer Unterdrücker so stark war, konnte sie niemand trösten. ... Dies alles habe ich gesehen in den Tagen meiner Nichtigkeit: Da ist ein Gerechter, der umkommt in seiner Gerechtigkeit, und dort ist ein Gottloser, der lange lebt in seiner Bosheit. ... Wenn du Unterdrückung des Armen im Land siehst und Beraubung im Namen von Recht und Gerechtigkeit, so wundere dich nicht darüber. [Prediger]

Hinzu kommt der bewusst empfundene Schmerz, die Angst, der unabwendbare Tod des gedachten Ichs, die Anteilnahme an anderem Leid.

Im Grunde entspringt dies daraus, daß der Wille an sich selber zehren muß, weil außer ihm nichts daist und er ein hungriger Wille ist. Daher die Jagd, die Angst und das Leiden. [Schopenhauer-D 2. Buch 28]

Naciketas:
26. „Was uns, o Tod, gegönnt an Kraft der Sinne,
Die Sorge für das Morgen macht es welken.
Auch ganz gelebt, ist doch nur kurz das Leben. —
Behalte deine Wagen, Tanz und Spiele.
27. Durch Reichtum ist der Mensch nicht froh zu machen!
Wen lockte Reichtum, der dir sah ins Auge?
Laß leben uns, so lang' es dir genehm ist!
Als Gabe aber wähle ich nur jene.
28. Wer, der geschmeckt hat, was nicht stirbt, nicht altert.
Hier unten steht und weiß sich altern, sterben.
Und wägt die Farbenpracht und Lust und Freuden, —
Wer mag an längerm Leben Freude haben!
29. Worüber jener Zweifel herrscht hienieden.
Was bei dem großen Hingang wird, das sag' uns;
Der Wunsch, der forschend dringt in dies Geheimnis,
Den wählt, und keinen andern, Naciketas."
[Kathaka-Upanishad, Erster Adhyaya, Erste Valli]

Angesichts dessen muss der Verstand verzweifeln. Der eigentliche Grund für die Entstehung des Verstandes war der Überlebensvorteil, den das Abgeteilte und die Art damit erhielt. Komplexe Erinnerungen konnten so eingeprägt werden und das Verhalten in ähnlich wiederkehrenden Situationen auf der Grundlage dieser Erinnerungen verbessert werden. Die erfolgreichen Konzepte zur Vermeidung von Schmerz und Erlangung von Lust abstrahiert der Verstand und wendet sie auf die gesamte Welt an, ohne dass er deren Zielrichtung irgendwie versteht.

Würde ein Mann von gesundem Verstande, der lange genug gelebt hat und über den Wert des Lebens nachgedacht hat, Lust haben, das Spiel des Lebens noch einmal durchzuspielen, ich will nicht sagen auf derselben, sondern auf jede andre ihm beliebige Bedingung?
[Kant-D]

Groß ist die Ähnlichkeit der beiden schönen
Jünglingsgestalten, ob der eine gleich
Viel blässer als der andre, auch viel strenger,
Fast möcht ich sagen viel vornehmer aussieht
Als jener andre, welcher mich vertraulich
In seine Arme schloß - Wie lieblich sanft
War dann sein Lächeln und sein Blick wie selig!
Dann mocht es wohl geschehn, daß seines Hauptes
Mohnblumenkranz auch meine Stirn berührte
Und seltsam duftend allen Schmerz verscheuchte
Aus meiner Seel - Doch solche Linderung,
Sie dauert kurze Zeit; genesen gänzlich
Kann ich nur dann, wenn seine Fackel senkt
Der andre Bruder, der so ernst und bleich. -
Gut ist der Schlaf, der Tod ist besser - freilich
Das beste wäre, nie geboren sein.
[Heine-M]

Es gibt verschiedene Wege, sich von der Verzweiflung, dem Leiden und der Angst vor dem Tod zu erlösen:

  • Verdrängung aus dem Denken, intensive Beschäftigung mit Unwesentlichem und ständige Suche nach Zerstreuung und Befriedigung.
  • Konstruktion einer neuen Welt, die alle empfundenen Ungerechtigkeiten der ersten Welt, des Diesseits, ausgleichen soll. Die physikalische Konstruktion von Welten ist zu aufwändig für Menschen, zumal, da es viele Werteempfindungen gibt, es mit einer einzigen neuen Welt nicht getan wäre. Es werden Jenseitse in den individuellen Vorstellungen der Menschen geschaffen. Sie sind den Abbildern der physikalischen Welt immer sehr ähnlich, da sich ein menschlicher Verstand nichts anderes denken kann. Verschiedene Religionen haben es sich zur Aufgabe gemacht, aktiv für möglichst einheitliche Vorstellungen vom Jenseits zu sorgen, so wie sich bei gesunden Verständen ein Konsens über die Vorstellungen des Diesseits ergeben hat.
  • Erkenntnis, dass Gut, Schlecht, Geburt, Tod, Ich, usw. Erzeugnisse des eigenen Gehirns sind. Eine bessere Erkenntnis des wahren Wesens der Wirklichkeit als eines sich insgesamt ständig wandelnden Ganzes. Anerkennung der Unbegreiflichkeit des Ganzen für den menschlichen Verstand. Erkenntnis der eigenen Werte und Denkkategorien als Ergebnisse der vergangenen Evolution, nicht unbedingt tauglich für die Zukunft. Anerkennung der Unvorhersagbarkeit der Zukunft. Verstandesmäßige Loslösung von allen seitherigen Bestrebungen und Begierden und Wertungen.

Der erste Weg kann ganz gut funktionieren, so lange bis das Problem plötzlich doch vor einem steht und kein Weg daran vorbei führt. Er ist in der modernen Welt sehr verbreitet.

Der zweite Weg kann funktionieren, wenn der Glaube, dass das Jenseits so real sei wie das Diesseits, sehr stark ist, denn einen wissenschaftlich haltbaren Beleg für seine Existenz gibt es bis heute nicht. Hinzu kommen muss der Glaube, dass es Menschen möglich ist, die absolut richtige Unterscheidung von Gut und Böse vorzunehmen. Oder der Glaube, dass diese Unterscheidung den Menschen auf irgendeine göttliche Art mitgeteilt wird, und der Mensch diese Mitteilung mit seinem einfachen Verstand immer genau so versteht, wie sie gemeint ist, also dass nicht nur die Mitteilung sondern auch der Weg in den menschlichen Verstand göttlicher Art ist. Dazu müssen daran beteiligte Gesänge, Mythen oder Bücher heilig werden, am Besten auch die Orte und Häuser, wo die Botschaften verbreitet werden, sowie die menschlichen Verbreiter. Bei mehreren verschiedenen Jenseitsen gibt es leider sofort logische Widersprüche. Als Auswege dienen die Ausmerzung unkonformer Jenseitse, etwa durch Vernichtung deren Erzeuger, der Andersgläubigen, oder die Erklärung, dass der Glaube nicht der Logik genügen brauche.

Der dritte Weg löst das Problem quasi in Nichts auf, er zeigt auf, dass dieses Problem sich im Wesen der Welt gar nicht stellt, sondern nur in der Denkart des menschlichen Verstandes.

  1. Das (unerleuchtete) Leben im Daseinskreislauf ist leidvoll: Geburt ist Leiden, Altern ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Tod ist Leiden; Kummer, Lamentieren, Schmerz und Verzweiflung sind Leiden. Gesellschaft mit dem Ungeliebten ist Leiden, das Gewünschte nicht zu bekommen ist Leiden. Kurz, die fünf Aneignungen (skandha, khandhah) sind Leiden.
  2. Die Ursachen des Leidens sind Begehren, Abneigung (negatives Begehren) und Unwissenheit (über die Natur des Leidens): Das Verlangen/Durst (pali: tanhā), - begleitet von Leidenschaft bzw. Wonne, genossen eben hier und eben da – nämlich das Verlangen nach Sinneslust, das Verlangen nach Werden, das Verlangen nach Nicht-Werden.
  3. Durch das Erlöschen (nirodha) der Ursachen erlischt das Leiden: Das restlose Vergehen bzw. Enden, Abkehren, Abtreten, Aufgeben und Loslassen genau dieses Verlangens (tanha).

[Wikipedia 2013]

Dies ist die Grundlage des Buddhismus, der zur Erreichung des Nirwana einen Edlen Achtfachen Pfad propagiert. Wer am Ziel ist, dem genügt aber irgend ein Weg, der dorthin geführt hat.

So auch ist jede lebhafte Freude ein Irrthum, ein Wahn, weil kein erreichter Wunsch dauernd befriedigen kann, auch weil jeder Besitz und jedes Glück nur vom Zufall auf unbestimmte Zeit geliehn ist, und daher in der nächsten Stunde wieder zurückgefordert werden kann. Jeder Schmerz aber beruht auf dem Verschwinden eines solchen Wahns: Beide also entstehn aus fehlerhafter Erkenntniß: dem Weisen bleibt daher Jubel wie Schmerz immer fern, und keine Begebenheit stört seine ἀταραξία [Unerschütterlichkeit des Gemütes].
[Schopenhauer-D 1. Band §16]

Uebrigens kann ich hier die Erklärung nicht zurückhalten, daß mir der Optimismus, wo er nicht etwan das gedankenlose Reden Solcher ist, unter deren platten Stirnen nichts als Worte herbergen, nicht bloß als eine absurde, sondern auch als eine wahrhaft ruchlose Denkungsart erscheint, als ein bitterer Hohn über die namenlosen Leiden der Menschheit.
[Schopenhauer-D 1. Band §59]

Nicht durch die Werke bin ich zu erlangen,
Nicht durch Schriftwissen, nicht durch vieles Fasten,
Auch nicht durch Wohltun, vielfach ausgeübt, -
Doch alles kommt zu mir auf allen Wegen.
[Bashkala-Upanishad]

Gleichwie das Feuer brennholzlos,
Zur Ruhe kommt an seinem Ort,
So kommt, betätigungslos, auch
Der Geist an seinem Ort zur Ruh,
Sobald an seinem Ort Manas
Zur Ruhe kommt, weil wahr sein Wunsch;
Doch wenn die Dinge es blenden,
Ist unwahr er, werkuntertan.

Gesinnung ist der Samsâra,
Sie soll man reinigen mit Fleiß;
Wie du gesinnt bist, so bist du, –
Ein Rätsel und doch ewig wahr!
Der Gesinnung zur-Ruh-Kommen
Hebt gutes Werk und böses auf,
Wer, ruhig selbst, im Selbst feststeht,
Erlangt Glück, unvergängliches.

Wenn der Geist nur so anhänglich,
Wie er an Sinnendinge ist,
Ebenso wäre an Brahman,
Wer wurde nicht von Bindung frei!
Das Manas, sagt man, ist zweifach,
Entweder unrein oder rein,
Wenn wunschbesudelt, ist's unrein,
Rein, wenn es frei von Wünschen ist.

Wer von Zerstreuung, Anhaftung
Sein Manas frei macht, regungslos,
Und so zur Manaslosigkeit
Gelangt, der geht zum Höchsten ein.
So lange hemme dein Manas,
Bis im Herzen es wird zunicht;
Das ist Wissen, ist Erlösung,
Das andre ist gelehrter Kram.

Wer, durch Nachsinnen reingewaschnen Geistes, sich
Versenkt im Âtman, was für Seligkeit der fühlt,
Das auszudrücken sind imstande Worte nicht,
Das muß im innern Herzen man erfahren selbst.

Wasser im Wasser, Glut in Glut,
Raum im Raum nicht mehr sichtbar ist;
So auch tritt, mit dem Eingange
Des Manas die Erlösung ein.
Das Manas also ist Ursach
Der Bindung und Erlösung uns:
Der Bindung, am Objekt hangend;
Von ihm Freiheit Erlösung heißt.
[Maytrayana-Upanishad, Sechster Prapathaka, 34.]