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Erwachsenwerden in der Begrifflichkeit des Schopenhauerschen Willens

Schopenhauer erkannte den Willen als Manifestation der Naturkräfte auf der Ebene des menschlichen Denkens. In der Verallgemeinerung dehnte er den Begriff auf jegliche Manifestation der Naturkräfte aus. Hier soll das Erwachsenwerden in dieser Sprache beschrieben werden, wobei die Aussagen immer nur statistisch gemeint sind.

Erwachsenwerden, zum Ersten

Die kindliche abgeteilte Form beim Menschen entwickelt sich, was den abgeteilten Willen angeht, zunächst untergeordnet unter die Bezugspersonen, in der Regel eingebettet in eine familiäre Gemeinschaft. Dass dies für das Weiterbestehen der kindlichen Form meist vorteilhaft ist, ist unmittelbar einsichtig. Die körperlichen und intellektuellen Fähigkeiten der kindlichen Form sind denen der erwachsenen Form weit unterlegen. Je feindlicher die außerfamiliäre Umgebung, desto größer ist der Vorteil durch die Unterordnung des kindlichen Willens.

Durch die Unterordnung der kindlichen Willen, wie sie am Ende meist stattfindet, kann eine familiäre Gemeinschaft als größere Form eine begrenzte Zeit Bestand haben und einen Gesamtwillen zustandebringen. Die meisten familiären Gemeinschaften sind seitens der Erwachsenen wiederum eingebettet in eine größere Form: die Dorfgemeinschaft, die Sippe, den Staat, usw. Durch die Unterordnung sind die kindlichen Formen quasi transitiv mit eingebettet in die größere Form.

Das Ziel der kindlichen Form ist das Erwachsenwerden. Zwangsläufig muss dazu irgendwann die Unterordnung unter die familiäre Form gelöst werden. Die transitive Unterordnung unter die größere Form wird dabei automatisch mitgelöst. Eine direkte Einordnung in die größere Form findet erst zeitlich versetzt statt. Als Folge gibt es einen Zeitraum erhöhter Inkompatibilität des abgeteilten Willens mit denen aller größeren Formen, es sei denn es findet sich eine zufällige Kompatibilität, etwa in der Jugendclique. Die Sicht der größeren Form auf nichteingebettete inkompatible abgeteilte Willen ist vergleichbar mit der Sicht eines biologischen Organismus auf Zellen, die nicht im Sinne des Organismus funktionieren: sie sind von ihm ungewollt und damit krank.

Ein Hauptziel des Willens des Heranwachsenden ist das Inkonkurrenztreten mit anderen Erwachsenen im Sinne der Evolution, das Abgeteilte will sich im Ausleseprozess bewähren und sich letztlich mit ebenso bewährten Partnern paaren. Dem würde eine Unterordnung unter andere Erwachsene vollkommen widersprechen. Eine Unterordnung im Rahmen einer größeren Form wird akzeptiert, wenn dadurch keine Nachteile für das Abgeteilte in Kauf genommen werden müssen. Dies kann dadurch bewerkstelligt sein, dass für alle die gleichen Regeln gelten. Die Unterordnung kann auch durch den Einsatz von Zwangsmitteln durch die größere Form erreicht werden.

Zur Erreichung des Ergebnisses ist es anscheinend notwendig, dass in der pubertären Phase eine grundlegende physiologische Reorganisation des Gehirns stattfindet, wobei sogar bestehende synaptische Verbindungen abgebaut werden müssen [Konrad]. Danach wird eine Vorstellung von einem mit dem Leib verbundenen abgrenzbaren Ich aufgebaut, die stärker ist als je zuvor, wenigstens gilt dies für die sogenannte westliche Welt des Jahres 2013.

Erwachsenwerden, zum Zweiten

Philosophische Erkenntnis oder mystische Erfahrung, selbstverständlich auch jede andere radikal neue Vorstellungswelt, kann zur Lösung des erwachsenen Abgeteilten aus dem Willensvertrag mit der höheren Form führen. Vorstellungen, die weit entfernt sind von den mittleren Vorstellungen anderer Abgeteilter, welche die größere Form bilden, führen oft zu einem nicht mit der höheren Form kompatiblen Willen des Abgeteilten. Sollte sich zusätzlich eine wachsende Anhängerschaft auf die neue Vorstellungswelt aufsynchronisieren, so kann sich der Vorgang aus der Sicht der größeren Form darstellen wie die Bildung eines Krebsgeschwürs aus Sicht eines biologischen Organismusses. Die größere Form wird dann bestrebt sein, die losgelösten Willen zu vernichten. Diese Erkenntnis hat uns bereits Platon in seinem Höhlengleichnis überliefert:

Auch das bedenke noch, sprach ich. Wenn ein solcher nun wieder hinunterstiege und sich auf denselben Schemel setzte: würden ihm die Augen nicht ganz voll Dunkelheit sein, da er so plötzlich von der Sonne herkommt? – Ganz gewiß. Und wenn er wieder in der Begutachtung jener Schatten wetteifern sollte mit denen, die immer dort gefangen gewesen, während es ihm noch vor den Augen flimmert, ehe er sie wieder dazu einrichtet, und das möchte keine kleine Zeit seines Aufenthalts dauern, würde man ihn nicht auslachen und von ihm sagen, er sei mit verdorbenen Augen von oben zurückgekommen und es lohne nicht, daß man auch nur versuche hinaufzukommen; sondern man müsse jeden, der sie lösen und hinaufbringen wollte, wenn man seiner nur habhaft werden und ihn umbringen könnte, auch wirklich umbringen? – So sprächen sie ganz gewiß, sagte er. –
[Platon-H]