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Geistererscheinungen: Wann ist ein Geist ein Geist?

Was ist eigentlich ein Geist?

Kann man den Begriff so definieren, dass er sich in das moderne naturwissenschaftliche Weltbild einfügen lässt? Wer noch nicht selbst eine Geistererscheinung gesehen hat, muss sich auf die Berichte anderer stützen. Diese berichten von Erscheinungen, die von den Berichtsempfängern als übernatürlich oder unphysikalisch eingestuft werden. Manchmal wird der Geist nur von einem gesehen, manchmal von mehreren. Wenn eine solche Erscheinung wahrgenommen wurde, ist das zunächst einmal eine echte Tatsache, wenn man dem Berichtenden vertrauen will: es hat wirklich eine Erscheinung vor seinem Bewusstsein gegeben. Doch wo ist der Unterschied zu anderen Erscheinungen vor seinem Bewusstsein?

Wir haben die Frage offensichtlich verlagert auf die Begriffe „übernatürlich“ und „unphysikalisch“.

Wann ist etwas übernatürlich oder unphysikalisch?

Antwort: wenn unsere Modelle der Natur die Erscheinung nicht erklären können. Wenn die Erscheinung Gesetzen unserer Physikwissenschaft widerspricht. Die Trennung in natürlich und übernatürlich ist keine Eigenschaft der Natur, sondern eine Eigenschaft unserer Theorien über die Natur. Eine Erscheinung vor einem Bewusstsein ist etwas, was sich in unserer Welt abspielt. Damit ist es natürlich und die Theorien müssen dafür Erklärungen liefern können, wenn sie Bestand haben wollen.

Welche Erscheinungen sind keine Geister?

Erscheinungen, die wir gemeinsam haben oder immer wieder haben, fassen wir als natürlich auf. Diese Erscheinungen folgen anscheinend einem Determinismus, als ob aus der Erscheinung - der Wirkung - auf eine Ursache mit Bestimmtheit geschlossen werden kann.

gemeinsam:
Bewusstsein von Heinz ⇐ Gehirn von Heinz ⇐ Nervenbahnen von Heinz ⇐ Sinnesorgane von Heinz ⇐ lokalisierte relative Zustände da draußen ⇒ Sinnesorgane von Klara ⇒ Nervenbahnen von Klara ⇒ Gehirn von Klara ⇒ Bewusstsein von Klara

immer wieder:
Bewusstsein von Heinz ⇐ Gehirn von Heinz ⇐ Nervenbahnen von Heinz ⇐ Sinnesorgane von Heinz ⇐ lokalisierte relative Zustände da draußen
...
Bewusstsein von Heinz ⇐ Gehirn von Heinz ⇐ Nervenbahnen von Heinz ⇐ Sinnesorgane von Heinz ⇐ lokalisierte relative Zustände da draußen
...

Die lokalisierten relativen Zustände da draußen, die als konstante „Dinge“ wahrgenommen werden, obwohl sie sich ständig ändern, beinhalten sehr viel Energie. Sie sind makroskopisch. Sie koppeln an andere relative Zustände (doch in Wirklichkeit sind sie eins mit ihnen) nämlich Sinnesorgane, die ebenfalls sehr viel Energie beinhalten. Dadurch entsteht die typische Statistik, welche Vorgänge erscheinen lässt, die den Gesetzen der klassischen Physik folgen: zum Beispiel elektrische Signale, die von Nervenbahnen geleitet werden.

Unser Verstand ist genau dazu da, mit diesen gesetzmäßigen Erscheinungen umzugehen. Es bietet keinen Überlebensvorteil, Zeit auf unkontrollierbares „Rauschen“ zu verschwenden, das vielleicht auch noch da ist.

Unsere Sinnesorgane sind genau dazu da, solche makroskopischen „Dinge“ zu erfahren.

Wenn unsere Physik eine Theorie ist, die die Änderung von Zuständen des Bewusstseins beschreibt, so müssen lokalisierte Zustandsänderungen nicht notwendigerweise von Dingen mit viel Energieinhalt ausgelöst werden. Ohne Sinnesorgane und Nervenbahnen sind die Gehirne von Heinz und Klara in der Quantentheorie immer noch durch gemeinsame mathematische Funktionen beschrieben, die deren gemeinsame kohärente Entwicklung bestimmen.

Bewusstsein von Heinz ⇔ Gehirn von Heinz ⇔ Gehirn von Klara ⇔ Bewusstsein von Klara

Der Aufbau des Gehirns zur Verarbeitung von Nervensignalen ist allerdings immer noch makroskopisch und damit sehr schell dekohärierend [Schlosshauer Kap. 9]. Doch je weniger Kopplung an die Nervenbahnen vorhanden ist, desto mehr können prinzipiell andere Kopplungen hervortreten. Doch welcher Art sind diese und welche Art ist wie stark? Können Kopplungen an das Magnetfeld der Erde, an die Polarisierbarkeit der Umgebung bewusste Erscheinungen hervorrufen, die das Gehirn sich längere Zeit merkt? Welche Rolle spielen kohärente quantentheoretische Kopplungen? Wir wissen es heute nicht! Und es gibt immer die Möglichkeit, dass eine Erscheinung auch ohne Kopplung an draußen hervorgerufen wird, nur aus dem Gehirn heraus. Dafür haben wir die Begriffe Halluzination oder Traum. Darum soll es aber an anderer Stelle gehen.

Ohne Gehirne wäre eine kohärente Kopplung von Bewusstseinszuständen dieser Art sofort verständlich:

Bewusstsein von Heinz ⇔ Bewusstsein von Klara

Die Sache hat nur einen Haken: wie sollte es ohne Gehirne noch lokalisierte Bewusstseinszustände geben, die sich mit Heinz und Klara betiteln ließen?

Wir fassen zusammen

Geister sind unwahrscheinliche Erscheinungen vor einem lokalisierten Bewusstsein. Sie sind vermutlich auch dadurch unwahrscheinlich, dass sie nicht über die üblichen stark dekohärierenden makroskopischen Kanäle ihren Weg vor das Bewusstsein finden, sondern auf anderen Wegen. Diese Wege sind in der heutigen Naturwissenschaft zwar denkbar, aber noch nicht quantifizierbar. In jedem Fall gehören alle Erscheinungen vor dem Bewusstsein zu unserer Natur, zu unserer Welt. Also auch Geistererscheinungen.

Man pflegt in der populären Denk- und Redeweise der Wirklichkeit den Schein gegenüber zu stellen. Einen Bleistift, den wir in der Luft vor uns halten, sehen wir gerade; tauchen wir denselben schief ins Wasser, so sehen wir ihn geknickt. Man sagt nun in letzterem Falle: Der Bleistift scheint geknickt, ist aber in Wirklichkeit gerade. Was berechtigt uns aber, eine Tatsache der andern gegenüber für Wirklichkeit zu erklären und die andere zum Schein herabzurücken? In beiden Fällen liegen doch Tatschen vor, welche eben verschieden bedingte, verschiedenartige Zusammenhänge der Elemente [Anmerkung: Merkmale] darstellen. [Mach I.5.]

Eigenes Erleben

Aus meinem Gehirnspeicher kann ich nur ein Erlebnis herauskramen, das in diese Richtung geht. Es dauerte vielleicht 1 Sekunde, ist mir aber bis heute dauerhaft im Gedächtnis geblieben. Ich war vom Laufen zurückgekehrt, saß in der Sonne auf der Gartenbank, ließ meinen Kopf hängen, die Augen auf den Rasen nach unten gerichtet. Ich dachte nichts und wollte nichts. Plötzlich veränderte sich das Gras. Ich konnte in eine unendliche Tiefe blicken, größtenteils in schwarze Leere, die aber irgendwie zum Gras und dem Darunter dazugehörte. Farbige leuchtende Erscheinungen bewegten sich auf grasartig geformten Bahnen. Es war, als würde ich tief hinunter und hindurch sehen können, hinein in's All aber gleichzeitig auch noch alles im Vordergrund und auf dem Weg in die Tiefe. Es war zugleich schön und erschreckend anzusehen. Dann verschwand das Bild wieder.