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Was ist das Ich?

Das Ich ist zunächst ein sprachlicher Begriff. Dieser Begriff unterteilt die Erscheinungen, die sich vor dem Bewusstsein abspielen, in solche, die zum Ich gehören, und solche, die nicht dazugehören. Das Ich ist eine Vorstellung vor dem Bewusstsein, die irgendwie mit dem Verstand zusammenhängt, welcher auf Erinnerungen fußt. Wie alle Vorstellungen kann auch diese eine beachtliche Entfernung von der Wirklichkeit haben.

Ein Neugeborenes hat wahrscheinlich noch keine Vorstellung von einem Ich. Auch eine Fruchtfliege hat eventuell noch keine Vorstellung von einem Ich. Ein Tier, das sich beim Namen rufen lässt, etwa ein Haushund, wird wahrscheinlich eine Vorstellung von einem Ich haben. Unklar ist, welche Ichzahl die Kaspar Hausers dieser Welt in ihren Vorstellungen mit sich trugen, bevor sie kultiviert wurden - und damit ob die 1-Ich-Vorstellung beim Menschen in der Regel von selbst entsteht und wie hoch der prägende Anteil der erziehenden Umgebung ist. Manche leibliche Personen berichten von mehreren Ichs, die mit dem Leib in Verbindung stehen sollen, zum Beispiel bei der multiplen Persönlichkeitsstörung, welche der Mediziner als Krankheit ansehen dürfte und vermutlich therapieren will - wie durch das Wort „Störung“ angezeigt. Dabei kann es ein Haupt-Ich geben mit mehreren Neben-Ichs. Die erzeugte Ichzahl könnte damit als natürliche Zahl oder Null, vielleicht gar als positive reelle Zahl modellierbar zu sein. Als „normal“ wird gemeinhin immer nur die Zahl 1 angesehen.

Allerdings ist auch das Ich nur von relativer Beständigkeit. Die scheinbare Beständigkeit des Ich besteht vorzüglich nur in der Kontinuität, in der langsamen Aenderung. Die vielen Gedanken und Pläne von gestern, welche heute fortgesetzt werden, an welche die Umgebung im Wachen fortwährend erinnert (daher das Ich im Traume sehr verschwommen, verdoppelt sein, oder ganz fehlen kann), die kleinen Gewohnheiten, die sich unbewußt und unwillkürlich längere Zeit erhalten, machen den Grundstock des Ich aus. Größere Verschiedenheiten im Ich ... als im Laufe der Jahre in einem Menschen eintreten, kann es kaum geben. Wenn ich mich heute meiner frühesten Jugend erinnere, so müßte ich den Knaben ... für einen Andern halten, wenn nicht die Kette der Erinnerungen vorläge. [Mach I.2.]

Wie beim Stuhl oder beim Huhn kann an mir allerhand ausgetauscht werden, und ich fühle mich im Wesentlichen immer noch als ich. Allerdings habe ich meine Arme, meine Beine, meine Nieren, und die Vorstellung, etwas davon zu verlieren, erzeugt Angst, der Verlust Schmerz.

Das Gehirn darf nicht getauscht werden. Das Ich hängt nicht nur mit bestimmten augenblicklichen Vorstellungen zusammen, sondern zu einem viel größeren Teil mit Erinnerungen. Diese Erinnerungen müssen irgendwo gespeichert sein, zum Beispiel in einem Gehirn. Die Vorstellung vom Ich wird größtenteils aus Erinnerungen zusammengezimmert.

Welchen Sinn hat die Vorstellung von einem Ich, zu dem nicht nur das Gehirn mit seinen Erinnerungen, sondern zudem ein tierischer Leib gehört? Das Ich, Schmerz und Angst schützen die komplexe Form, die menschliche Lebensform. Diese gilt es zu erhalten, das ist der „Selbsterhaltungstrieb“. Würde sich der Leib auflösen oder zu sehr verstümmelt werden, dann kann es mit der Fortpflanzung nicht mehr klappen, entweder weil der Körper für den Geschlechtsakt zu kaputt ist oder sich weniger verstümmelte Körper durchsetzen. Die Vorstellung vom Ich ist damit ein Diener der leiblichen Form.

Wie eine Spinne in der Mitte ihres Netzes spürt, sobald eine Fliege einen der Fäden zerreißt, und darum schnell herzueilt, als wäre sie besorgt um den zerrissenen Faden, so wandert die Seele des Menschen, falls ein Körperteil verletzt ist, eilends dorthin, gleichsam empört über die Verletzung des Körpers, mit dem sie fest und nach bestimmtem Sinn verbunden ist.
[Heraklit-F]

... sondern vom Strome der Guna's fortgerissen und besudelt, wird er haltlos, schwankend, gebrochen, begehrlich, ungesammelt, und in den Wahn [des Ichbewußtseins] verfallend wähnt er: 'ich bin dieser, mein ist dieses'; und bindet sich selbst durch sich selbst wie ein Vogel durch das Netz;
[Maytrayana-Upanishad, Dritter Prapathaka]

Das Gleiche gilt für den Verstand. Würde der nicht mehr nach seiner evolutionären Bestimmung funktionieren, so würde die Lebensform an ihrer eigenen Zerstörung arbeiten oder zumindest ihre Fortpflanzung verhindern. Der „gesunde“ Menschenverstand hat Angst vor Geisteskrankheiten und stellt sich in den Dienst der Evolution.

Der Wille des Menschen ist die bewusst wahrgenommene Richtung der Naturkräfte. Es gibt eine Verbindung zwischen dem Willen und dem Ich: nicht nur stellt sich der Mensch vor, dass er einen Willen hat. Das Abgeteilte, das Ich endet vielmehr in der Regel dort, wo der Wille endet. Naturgegeben ist dies der tierische Leib, dessen Aktoren sehr unmittelbar den wahrgenommenen Willen in Wirkung umsetzen können und dessen Sensoren eine Rückmeldung über den Erfolg geben, als lustvolle oder schmerzvolle Empfindung. Wird erfahren, dass der Wille direkt genug über den eigenen Leib hinauswirkt, so kann die Vorstellung vom Ich Substanz außerhalb des tierischen Leibs beinhalten: zum Beispiel das Automobil, das man lenkt (er hat mich gerammt) oder bei einem König dessen Hofstaat, die Leibgarde, den gesamten Staat.

Und als Amazja vom Siege über die Edomiter wiederkam, brachte er die Götter der Leute von Seïr mit und stellte sie sich als Götter auf und betete sie an und opferte ihnen...
Und Amazja, der König von Juda, entschloss sich hinzusenden zu Joasch, dem Sohn des Joahas, des Sohnes Jehus, dem König von Israel, und ließ ihm sagen: Komm, wir wollen uns miteinander messen!
[2. Chronik 25]

Dem entsprechend kann das Ich so erweitert werden, dass es schließlich die ganze Welt umfaßt. Das Ich ist nicht scharf abgegrenzt, die Grenze ist ziemlich umbestimmt und willkürlich verschiebbar ... Sobald wir erkannt haben, daß die vermeintlichen Einheiten „Körper“, „Ich“ nur Notbehelfe zur vorläufigen Orientierung und für bestimmte praktische Zwecke sind ..., müssen wir sie bei vielen weitergehenden wissenschaftlichen Untersuchungen als unzureichend und unzutreffend aufgeben. Der Gegensatz zwischen Ich und Welt, Empfindung oder Erscheinung und Ding fällt dann weg ... [Mach I.7.]

Die Zusammenfassung der mit Schmerz und Lust am nächsten zusammenhängenden Elemente [Anmerkung: Merkmale] in einer ideellen denkökonomischen Einheit, dem Ich, hat die höchste Bedeutung für den im Dienst des schmerzmeidenden und lustsuchenden Willens stehenden Intellekt. Die Abgrenzung des Ich stellt sich daher instinktiv her ... Durch ihre hohe pratkische Bedeutung nicht nur für das Individuum, sondern für die ganze Art machen sich die Zusammenfassungen „Ich“ und „Körper“ instinktiv geltend und treten mit elementarer Gewalt auf. [Mach I.12.]

Wenn irgendwo geschrieben wird, dass man heute nah daran sei, die Funktion des Gehirns zu verstehen, so ist das nichts als Wichtigtuerei. Um einen Vergleich zu bemühen befindet sich die Forschung in einem Stadium, wo sie einen Computer aufschrauben und grobe Sensoren mit dessen Schaltkreisen verbinden kann. Sie sieht, dass die Festplatte mal mehr und mal weniger Strom verbraucht, dass die CPU mal heißer wird und wieder kälter, dass die Leiterbahnen zum Speicher mal mehr, mal weniger elektromagnetische Strahlung von sich geben. Sie hat aber keinerlei Wissen darüber, wie die Software darin tatsächlich funktioniert, wie das Bewusstsein mit dem Gehirn zusammenhängt. Jeder Informatiker kann ermessen, wie schwierig die Aufgabe ist... Man löse zunächst diese viel einfachere Aufgabe: verstehe ein Programm, von dem du den Quellcode nicht hast! Du darfst immer nur dabei zusehen, wie sich die Bits im Speicher verändern, nicht alle, manche gehen dir bei der Beobachtung immer durch die Lappen, und daraus errate den Quellcode bitte mit Variablennamen, die möglichst treffend zu dem gewählt sind, was das Programm mit der Welt außerhalb des Computers zu tun haben soll!

Die Gewohnheit, den unanalysierten Ich-Komplex als eine unteilbare Einheit zu behandeln, hat sich wissenschaftlich oft in eigentümlicher Weise geäußert. Aus dem Leibe wird zunächst das Nervensystem als Sitz der Empfindungen ausgesondert. In dem Nervensystem wählt man wieder das Hirn als hierzu geeignet aus, und sucht schließlich, die vermeintliche psychische Einheit zu retten, im Hirn noch nach einem Punkt als Sitz der Seele. So rohe Anschauungen werden aber schwerlich geeignet sein, auch nur in den gröbsten Zügen die Wege der künftigen Untersuchung über den Zusammenhang des Physischen mit dem Psychischen vorzuzeichnen. [Mach I.12.]

Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben. Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse. Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und dazu verlockte, klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß. Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. [Genesis]

Wenn diese Geschichte als die Geschichte von der Entstehung des zielgerichteten Denkens verstanden wird, so verstehen wir vielleicht, was ihr Erfinder mitteilen wollte. Mit der Weiterentwicklung des menschlichen Verstandes fängt dieser an, sich Begriffe zu schaffen. Es trennt in Gut und Böse. Überhaupt trennt es alles Erdenkliche auf und ab. Klug bedeutet, dass der Verstand aus Erinnerungen (gespeicherten Vorstellungen) heraus genauere Wahrscheinlichkeiten für das Eintreffen zukünftiger Erscheinungen abschätzen kann.

Durch die Wertung kommt das Streben nach dem Gutbewerteten, durch das Streben die Mühsal in's Leben. Die Angst vor dem Schlechten wird bewusst empfunden und Nichtbekommen, welches Nichtunterdeneigenenwillenbekommen bedeutet, wird wie leiblicher Schmerz bewusst erfahren. Dies und die gedachte Nichteinheit mit dem Ganzen ist die Vertreibung aus dem Paradies.

Aber mit der abstrakten Erkenntnis, mit der Vernunft ist im Theoretischen der Zweifel [Anmerkung: = Nichteinheit] und der Irrtum, im Praktischen die Sorge und die Reue eingetreten. [Schopenhauer-D 1. Buch §8]

Zur Frau sprach er: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen. Zu Adam sprach er: Weil du auf deine Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem zu essen ich dir verboten hatte: So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. Dornen und Disteln lässt er dir wachsen und die Pflanzen des Feldes musst du essen.

Wer war wohl Vorreiter bei der Entwicklung des begrifflichen, des sprachlichen Denkens? Der Mann oder die Frau?

Dass er jetzt nicht die Hand ausstreckt, auch vom Baum des Lebens nimmt, davon isst und ewig lebt!

Dies könnte in Zukunft geschehen...

Geburt und Tod des Ich

A: „Wann bist du geboren worden?“
B: „1928. Am 20. März 1928.“
A: „Was hast du dabei empfunden? Hattest du Angst, hinausgedrückt zu werden in diese extreme Helligkeit?“

Niemand kann sich an seine Geburt erinnern, so heißt es. Man kann sich nicht an den Tag erinnern, an dem eine leibliche Vorläuferform derer, die heute das über die Geburt nachdenkende Gehirn beherbergt, seine mütterliche leibliche Form verließ. Der sich daran erinnern sollte, existierte an dem Tag nämlich noch gar nicht. Der sich daran erinnern sollte ist ein Stück Software, welches heute die Vorstellung vom Ich liefert. Diese Software entstand nicht am Tage der leiblichen Geburt, sondern entwickelte sich allmählich über die Jahre. Von außen wurde ihr eingeprägt, dass sie den leiblichen Geburtstag als ihren eigenen abrupten Entstehungszeitpunkt ansehen solle.

(18) Die Jünger sprachen zu Jesus: „Sage uns, wie unser Ende sein wird.“
Jesus sprach: „Habt ihr denn schon den Anfang entdeckt, daß ihr nach dem
Ende fragt? Denn dort, wo der Anfang ist, dort wird auch das Ende sein.
Selig, wer am Anfang stehen wird, und er wird das Ende erkennen und den
Tod nicht schmecken.“
[Thomas]

Auch der Tod des Ich kann allmählich schleichend vor dem Tod des Leibes erfolgen. Der Tod des Ich ist ein Tod der Vorstellung vom im Leib wohnenden Ich.

Der Tod ist ein Schlaf, in welchem die Individualität vergessen wird: alles andere erwacht wieder oder vielmehr ist wach geblieben.
[Schopenhauer-D 1. Buch §54]

Das Ich ist so wenig absolut beständig als die Körper. Was wir am Tode so sehr fürchten, die Vernichtung der Beständigkeit, das tritt im Leben schon in reichlichem Maße ein. Was uns das Wertvollste ist, bleibt in unzähligen Exemplaren erhalten, oder erhält sich bei hervorragender Besonderheit in der Regel von selbst. Im besten Menschen liegen aber individuelle Züge, um die er und andere nicht zu trauern brauchen. Ja zeitweilig kann der Tod, als Befreiung von der Individualität, sogar ein angenehmer Gedanke sein. Das physiologische Sterben wird durch solche Überlegungen natürlich nicht erleichtert. [Mach I.2.]
Die Zumutung, sich auf der Sonne statt auf der Erde stehend als Beobachter zu denken, ist nun aber nur eine Kleinigkeit gegen die Forderung, sein Ich für nichts zu achten, dasselbe in eine vorübergehende Verbindung von wechselnden Elementen aufzulösen. [Mach XV.2.]

Fassen wir in aller Klarheit zusammen: Das Ich ist eine Vorstellung, die erst aufgebaut werden muss als Software, die auf Erinnerungen fußt, die ihrerseits erst einmal vorhanden sein müssen. Mit dem, was wir als wesentlich seiend hinter den Erscheinungen suchen, kann solche eine Vorstellung nicht viel zu tun haben. Die Ich-Vorstellung gehört zu den Stabilisierungsmechanismen, welche den tierischen Leib in Form halten sollen.

Darauf wandte sich der König Milinda an den ehrwürdigen Nāgasena und sprach: "Wie heißt du, Ehrwürdiger? Welchen Namen trägst du?"

"Ich bin als Nāgasena bekannt, o König, und mit Nāgasena reden mich meine Ordensbrüder an. Ob nun aber die Eltern einem den Namen Nāgasena geben oder Sūrasena oder Vīrasena oder Sīhasena, immerhin ist dies nur ein Name, eine Bezeichnung, ein Begriff, eine landläufige Ausdrucksweise, ja weiter nichts als ein bloßes Wort, denn eine Person ist da nicht vorzufinden."
[Milindapañha]