Sie sind hier

Wie ich mir Jesus vorstelle

Über den historischen Jesus ist wenig bekannt.
Jesus muss man wohl diese Eigenschaften zuschreiben:

  • intelligent
  • wortgewandt und schlagfertig
  • friedlich, vielleicht ab und zu mal aufbrausend
  • Wahrscheinlich kannte er den Inhalt vieler seinem Kulturkreis zugänglicher Schriften. (Ein Kontakt zu den philosophietreibenden Essern ist jedoch nicht belegt.)
  • Über den Mechanismus des menschlichen Erkennens wusste er Bescheid.
  • Er hatte das Wesen des Seienden in einer Tiefe erkannt, in der es schwierig ist, die Erkenntnis in Wortsprache mitzuteilen.

Er versuchte, seine Erkenntnisse seinen Anhängern zu vermitteln. Wenn man die Apostelgeschichte oder die Briefe des neuen Testaments liest, sieht man, dass es überhaupt nicht gelang. Den Gipfel der Nichterkenntnis stellt die Offenbarung des Johannes dar, die daherkommt wie ein breitgetretenes Märchen vom bösen Wolf. Die Briefe des Paulus zeigen, dass dort ein eher einfacher Geist am Werk ist, der sich mit Nichtigkeiten gerne ausgiebig beschäftigt. Immerhin gelang es Jesus, einige einfachere Dinge breiteren Kreisen mitzuteilen, zum Beispiel die Nächstenliebe.

Eine wichtige Quelle war für mich außer den synoptischen Evangelien das Thomasevangelium.

Ungefähr die Hälfte der Logien im Thomasevangelium gehen mit synoptischen Sprüchen parallel. Viele Jesusworte wirken dabei sehr alt und authentisch, insbesondere die 13 Doppelparallelen zum Markusevangelium und zu „Q“; sie könnten zu den ältesten Sprüchen gehören und auf eine kurz nach Jesu Tod entstandene Sammlung zurückgehen. [Wikipedia 2014]

Es gibt Parallelen zu manchem griechischen Philosophen und zur fernöstlichen Philosophie. Manche Zitate erinnern an Zen-Koans. An manchen Zitaten sieht man, dass die Jünger gar nicht verstanden, was er mitteilen wollte.

(51) Seine Jünger sprachen zu ihm: „Wann wird die Ruhe der Toten eintreten, und wann wird die neue Welt kommen?“
Er sprach zu ihnen: „Was ihr erwartet, ist gekommen, aber ihr erkennt es nicht.“

Es ging ihm bei seinem Königreich nicht um ein jenseitiges oder irdisches Reich eines himmlischen oder irdischen Herrschers. Es ging um die Erlangung von Erkenntnis des Seienden. Diese ist das zu erlangende Königreich, weil sie den Menschen befreit.

Und was ist daraus geworden? Die Gläubigen wollten einen Erlöser von der Fremdherrschaft haben, einen neuen starken König aus dem Geschlecht Davids, und sie schufen sich, was sie haben wollten. In bewährter Tradition des alten Testaments sollte das neue Testament beweisen, dass die Prophezeiungen der Propheten immer eintreffen. Und in derselben Tradition wurden Wundergeschichten aufgeschrieben. Da das Königreich offensichtlich nicht in dieser Welt zustande kam, wurde es in ein jenseitiges umgedeutet. Jesus hatte wahrscheinlich immer wieder versucht, ihnen klarzumachen, dass er kein weltlicher König sein kann, dass es um ein geistiges Königreich gehe, ein diesseitiges geistiges Königreich, das dadurch erlangt wird, dass man sein Denken ändert. Mit mäßigem Erfolg.

Ich nehme die Last des Leidens auf mich, ich bin entschlossen, ich ertrage es. Und warum? Unbedingt muss ich allen Wesen die Last abnehmen. Die Veranlassung ist nicht, dass ich Lust daran hätte. Vielmehr habe ich das Flehen aller Wesen um Rettung gehört. Alle Wesen muss ich zur Erlösung führen, die ganze Welt muss ich retten...
[Siksamuccaya 16]

So spricht nicht Jesus, sondern ein Bodhisattva.

Wenn mir, o Herr, die westlichen Suna-Leute einen Schlag mit einem Erdklumpen erteilen werden, dann wird mir so sein: Lieb fürwahr sind diese westlichen Suna-Leute, sehr lieb fürwahr sind diese westlichen Suna-Leute, daß sie mir den Schlag nicht mit einem Knüppel erteilen. [Majjhimanikaya Nr. 145]

So wollte Punna seine Feinde lieben, nicht Jesus.

Sind die Übereinstimmungen mit dem damals modernen Buddhismus, die man in denjenigen Zitaten erkennt, welche nach Wegschälen der jüdischen Ideologie übrigbleibben, Zufall?

Bei der Vergleichung dieser buddhistischen Erzählung mit der christlichen ist der übereinstimmende Zug, daß Petrus infolge seiner Kleingläubigkeit anfängt unterzusinken wie der Jünger Buddhas infolge der schwindenden Versenkung, viel wichtiger als das Motiv des Gehens auf dem Wasser. Es erscheint unmöglich, diese höchst merkwürdige Übereinstimmung anders zu erklären als durch Entlehnung. Und da kann nur Entlehnung auf christlicher Seite in Betracht kommen
...
Das Brotwunder (Matth. 14. 15 f., Mark. 6. 35 f., Luk. 9. 13 f.) hat eine Parallele, die van den Bergh nicht erwähnt, die ich aber zu den schlagenden rechnen muß. In der Einleitung zu Jātaka 78 wird erzählt, daß Buddha mit einem Brot, das ihm in seine Almosenschale gelegt war, zuerst seine 500 Jünger und dann noch alle Insassen eines Klosters sättigt und daß trotzdem noch viel Brot übrig bleibt,
...
Auch der Ausdruck τροχον τησ γενεσεωσ, Ep. Jacob. 3. 6, ist, worauf schon Schopenhauer aufmerksam gemacht hat, so spezifisch buddhistisch und überhaupt indisch, daß es mir schwer fällt, ihn anders als durch indische Herkunft zu erklären. Der ganze Wortlaut des Verses klingt buddhistisch; denn auch Buddha vergleicht in einer der ältesten Reden die Sinnesorgane mit flammendem Feuer
...
zweite in dem Evangelium Thomae c. VI in so frappanter Übereinstimmung wieder, daß ihre buddhistische Herkunft in die Augen springt. Besonders beweiskräftig ist als ein echt indischer Gedanke in der zweiten Geschichte die mystische Bedeutung der Buchstaben, die das Christuskind dem Lehrer vorträgt. Auch kann es keine zufällige Übereinstimmung sein, daß sowohl in der Erzählung des Lalitavistara wie in der des Thomas-Evangeliums c. XIV der Lehrer beim Schulbesuch des Wunderkindes bewußtlos zu Boden fällt.
[Garbe]

Garbe zählt die Ähnlichkeiten in den überlieferten Geschichten auf. Was für mich darüber hinaus trotz verschiedener sprachlicher Begriffe der verschiedenen Kulturkreise durch die Texte hindurchklingt ist: der Kern der Philosophie Jesus' ist vollkommen derselbe wie der des Buddhismus. Wenn ich es in einem Bild zusammenfassen müsste, so würde ich es genauso machen wie der Gestalter dieses Titelbildes der Zeitschrift Geo: