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Das Märchen von der Seligwerdung durch Wirtschaftswachstum

Bund und Länder haben bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten. Die Maßnahmen sind so zu treffen, daß sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen. [StabG §1]

Wenn im Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft der Bundesrepublik Deutschland von Wirtschaftswachstum gesprochen wird, so ist damit wie selbstverständlich exponentielles Wachstum gemeint.

Der Modellansatz zu exponentiellem Wachstum stößt in der Realität auf seine Grenzen – insbesondere im wirtschaftlichen Bereich.
„Exponentielles Wachstum ist nicht realistisch“ als langfristiger Trend, so der Wirtschaftswissenschaftler Norbert Reuter.
[Wikipedia 2013: Exponentielles Wachstum]

Jeder Student der Naturwissenschaften oder der Mathematik weiß, dass exponentielles Wachstum physikalischer Formen sehr bald so schnell erfolgt, dass die begrenzten für den Prozess zur Verfügung stehenden Rohstoffe bald zu dessen Ende führen - und er weiß dies, ohne die Meinung eines Wirtschaftswissenschaftlers zum Thema kennen zu müssen, da es unmittelbar einsichtig ist.

Somit stellt sich die Frage, wie ein ganzer Staat ein Gesetz verabschieden kann, mit dem eine Unmöglichkeit vorgeschrieben wird. Was ist eigentlich unter Wirtschaftswachstum zu verstehen? Wir kennen alle die Definitionen der Volkswirtschaftler unter Zuhilfenahme des Begriffs des Bruttoinlandsproduktes. Doch was steckt wirklich dahinter? Es geht um Umwandlung von Substanz, also Materie oder Energie. Diese Umwandlung findet auch ohne menschliches Zutun ständig statt. Beim Wirtschaftswachstum, zum Beispiel beim Wachstum einer Volkswirtschaft, geht es um die Vermehrung der Substanzmenge, die gemäß dem eigenen Willen, das wäre im Beispiel der Volkswille, umgestaltet werden kann. Es ist in der Bundesrepublik Deutschland Gesetz, dass der Gesamtwille des Staates eine exponentiell anwachsende Substanzmenge unter seine Herrschaft bekommen soll!

Einerseits muss jede Form, die in der Raumzeit ein großes Volumen einnehmen will, bestrebt sein, möglichst viel Substanz nach dem eigenen Willen gestalten zu können. Andererseits stellt sich vor dem Hintergrund einer äußerst geringen von der Erde aus zugänglichen Substanzmenge die Frage, weshalb eine solche Zielrichtung nicht schon zur Vernichtung dieser oder ähnlicher Staatsformen geführt hat. Eine erste Antwort dürfte sein, dass dies in der Geschichte sicher schon öfter geschehen ist - ist doch „Wirtschaftswachstum“ nichts anderes als der Wille nach mehr Substanz bei Verzicht auf explizite Kriegsführung. Eine zweite, dass man vielleicht nur noch ein wenig Geduld haben muss, bis dieses auch mit der BRD zu beobachten ist. Und eine dritte, dass Wachstum in Wirklichkeit gar nicht stattfindet. So stellte Der Spiegel 2013 fest, dass in den letzten 10 Jahren das BIP nach Abzug der Neuverschuldung ziemlich genau um 0 % gewachsen sei. Es kommt also darauf an, wie man rechnet. Durch Abzug der Neuverschuldung sind noch keine Umweltschäden berücksichtigt. Durch Energieströme vergangener Zeitalter säuberlich getrennt vorliegende Rohstoffe werden verwirtschaftet und in einem Zustand deutlich höherer Entropie abgelegt. Um daraus wieder Rohstoffe erhalten zu können, wird man dramatisch höhere Energieströme einsetzen müssen als seither.

Offensichtlich kann permanentes exponentielles Wachstum als Daseinsziel der großen Form (weltweiter Kapitalismus auf der Ebene der global wirtschaftenden Menschheit) deren Dasein gefährden. Hier haben sich einige Individualwillen durchgesetzt, die dadurch mehr individuelle Gestaltungskraft erlangen wollen. Händler sind darauf angewiesen, dass Substanz strömt, da sie davon leben, aus diesen Strömen einen gewissen Teil für sich abzuzweigen. Von da ist es nur ein kleiner Schritt bis zum Wunsch, dass immer mehr ströme. Starke Strömungen führen durch nichtlineare Effekte zu Strukturbildungen: Klassengesellschaften, reich und arm. Es ist gewissermaßen ein Luxuseffekt: in einer Konkurrenz mit anderen Formen, auf dieser Größenskala müssten das außerirdische Gesellschaften sein, könnte eine Gesellschaft es sich nicht leisten, das ansonsten ziellose Wachstum der Ströme zum Selbstzweck zu erklären.