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Wie viele Bewusstseine gibt es?

Eines schönen Tages saß ich im Künstlercafé einer schwäbischen Landeshauptstadt und sah all die Menschen auf dem weiten Platz (schwäbisch: Schlossbladds). Da kam mir die Frage, die sich wahrscheinlich jeder schon einmal gestellt hat: woher weiß ich eigentlich, dass die anderen echt sind? Woher weiß ich, dass ich sie mir nicht nur einbilde? Doch was bedeutet eigentlich echt?

Mittlerweile ist mir klar, dass meine Welt ein eigenes Konstrukt ist, das ich mir aus meinen Empfindungen zusammengestellt habe. Sie ist die Schopenhauersche Welt als Vorstellung.

Mir ist ist auch klar, was cogito ergo sum bedeutet. Ich kann sicher davon ausgehen, dass ich wenigstens selbst bin. Was zu diesem Selbst gehört, ist wiederum eine andere Frage. Ein menschlicher Körper aus der Welt als Vorstellung? Sicher nicht! Die ganze Welt? Vielleicht in einem gewissen Sinn...

metaphysischer Solipsismus: Nur das eigene Ich existiert. Nichts außerhalb des eigenen Bewusstseins existiert, auch kein anderes Bewusstsein. [Wikipedia 2018]

Dieser metaphysische Solipsismus kann durch nichts widerlegt werden! Wenn dort andere Bewusstseine wären, so könnte ich dies niemals herausfinden. Ich habe nur meine Empfindungen und muss daraus meine Welt konstruieren. Zwischen ihnen, wenn es sie gäbe, und mir stünde wenigstens ein physikalischer Kommunikationskanal, ein direkter Kontakt wäre nicht möglich.

Gemeinhin denkt man sich einen Körper hinzu als zum Selbst gehörig. Warum das so ist, haben wir im Ich gesehen. Mit Hilfe eines Spiegels kann ich sehen, wo der unmittelbare Einfluss des Willens und des Schmerzes aufhört und so eine Grenze erzeugen, die „meinen Leib“ darstellt. Ein Vergleich mit anderen ähnlichen Erscheinungen führt über den Reduktionismus zur Vorstellung, dass da noch andere gleiche Leiber sind, und allein deswegen stelle ich mir vor, dass da noch andere Bewusstseine seien.

Die Formulierung „ein Schimpanse kann sich selbst im Spiegel erkennen“ ist übrigens völliger Blödsinn. Ein Schimpanse erzeugt genau wie ein Mensch eine Vorstellung von einem Ich, zu dem ein Leib gehört. Dort draußen ist nichts, dessen Dasein solcherart erkannt werden kann und nur noch gefunden werden muss. Das wäre naiver Realismus. Vielmehr erzeugen gleichartige Vorstellungsprozesse ähnliche reduktionistische Modelle über die Welt.

Die Formulierung „das menschliche Bewusstsein“ steht für anthropozentrische Überheblichkeit. Es ist ganz natürlich, dass man die dem eigenen Spiegelbild ähnlichen Leiber als erstes als mit Bewusstsein ausgestattet ansieht. Doch bei genauerer Betrachtung lässt sich keine scharfe Grenze zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Leibern ziehen. Wieso sollte nicht auch ein Hund Bewusstsein haben? Oder eine Ameise? Jeder, der schon einmal Ameisen gequält hat, ahnt, dass diese bewusst Schmerz empfinden, aber wissen kann er es nicht. Doch wo hört dies auf? Bei Pflanzen? Bei weißen Blutkörperchen? Bei Bakterien? Oder noch tiefer? Tatsächlich ist die Frage “wie viele Bewusstseine sind da draußen noch außer mir„ vor langer Zeit schon einmal ganz anders beantwortet worden als heute:

Der Jainismus geht davon aus, dass sich in der Welt zwei Prinzipien gegenüberstehen: Geistiges und Ungeistiges. Das Geistige beruht auf einer unendlichen Anzahl individueller Seelen (Jiva). Das Ungeistige umfasst die fünf Kategorien: Bewegung, Ruhe, Raum, Stoff und Zeit. Alles Stoffliche ist beseelt, nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Pflanzen oder Wasser. [Wikipedia 2018]

Das Ungeistige des Jainismus entspricht ziemlich genau dem, womit sich die heutige Physik beschäftigt. Die unendliche Zahl des Geistigen drängt hier das Physikalische in die Enge.

Der Physikalismus ist in der Philosophie die metaphysische These, dass alles, was existiert, physisch sei, oder dass zwischen den Eigenschaften aller real existierenden Objekte und deren physikalischen Eigenschaften eine Supervenienz-Beziehung herrsche. Der Physikalismus ist damit eine monistische Position, die im Gegensatz zu dualistischen, pluralistischen und idealistischen Positionen steht. Sowohl zur Definition des Physikalischen wie auch zur Explikation des Physikalismus gibt es verschiedene Varianten. Gemäß einer häufig verwendeten Definition gelten alle Objekte, Eigenschaften oder Ereignisse (alle Entitäten) als physisch, die in den Theorien der Physik beschrieben werden können. Physikalistische Positionen werden von vielen Gegenwartsphilosophen und Naturwissenschaftlern vertreten, jedoch ist der Physikalismus auch Gegenstand einer kontroversen Diskussion. Eine besondere Rolle spielt der Physikalismus in der Philosophie des Geistes, da mit ihm die Ablehnung der Idee eines immateriellen Bewusstseins verbunden ist. Viele Vertreter des modernen Physikalismus vertreten etwa die These, dass die Annahme, Geistiges sei nicht determiniert von physischen Ursachen, falsch ist, da es nach naturwissenschaftlicher Konzeption keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür gebe, daran zu zweifeln, dass geistige Phänomene auf physische Ursachen zurückgehen. [Wikipedia 2018]

Der klassische Physikalismus und der Jainismus stehen sich vollkommen gegensätzlich gegenüber. Doch wo liegt die Wahrheit?

Quanta Magazine: But if there’s a W, are you saying there is an external world?
Donald Hoffman: Here’s the striking thing about that. I can pull the W out of the model and stick a conscious agent in its place and get a circuit of conscious agents. In fact, you can have whole networks of arbitrary complexity. And that’s the world.
[Hoffman-Q]

Viele andere Bewusstseine könnten mir erscheinen, als seien sie eine physikalische Welt. In diesem Modell ist die physikalische Welt sogar unendlich dünn!

[Hoffman-F] Ein bewusster Agent erscheint jeweils dem anderen als dessen externe Welt.