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Mandukya-Karika

Zweiter Teil,
genannt Vaitathyam, "die Unwahrheit"

1. Alles, was wir im Traum sehen,
Ist unwahr, sagen Weise uns,
Weil alles dies nur inwendig,
Weil es in uns beschlossen liegt;

2. Auch weil die Zeit zu kurz wäre
Zum Besuch ferner Gegenden,
Und weil wir ja beim Aufwachen
Nicht sind in jenen Gegenden.

3. "Da sind nicht Wagen, nicht Straßen,"
Lehrt die Schrift und das Denken uns,
So ist des Träumens Unwahrheit
Erwiesen und auch offenbart.

4. Weil Vielheit hier nur inwendig,
Ist sie es auch im Wachen nur;
Hier wie dort ist nur Vorstellung,
In uns beschlossen, hier wie dort.

5. Des Träumens Zustand und Wachens
Als derselbe den Weisen gilt,
Denn gleich ist beiden die Vielheit, –
Aus diesem wohlerwiesnen Grund.

6. Was nicht vorher und nicht nachher,
Ist auch nicht in der Zwischenzeit;
Obwohl es unwahr ist, wird es
Für nicht unwahr doch angesehn.

7. Des Wachens Tun ist zweckmäßig,
Aber nicht, wenn wir träumen, mehr;
Drum, weil es anfängt und aufhört,
Kann auch es nur auf Trug beruhn.

8. Auch was am Traume neu, stammt nur
Aus dem Geist, und wenn Götter ihm
Erscheinen, schaut er sie so nur,
Wie er über sie ward belehrt.

9. Was er träumend im Geist bildet
Innerlich, das ist unreal,
Wiewohl sein Geist es griff draußen,
Als gesehn unwahr beides ist.

10. Was er wachend im Geist bildet
Innerlich, das ist unreal,
Wiewohl sein Geist es griff draußen,
Folgerecht unwahr beides ist.

11. Wenn nun beiderlei Vielheiten
Unwahr im Traum und Wachen sind,
Wer erkennt beide Vielheiten,
Wer stellt sie im Bewußtsein vor?

12. Durch Selbsttäuschung der Gott Âtman
Stellt sein Selbst durch sich selber vor,
Erkennend beide Vielheiten, –
Feststeht dieser Vedântasatz.

13. Umwandelnd stellt er als andres
Vor, was nur im Bewußtsein ist,
Als draußen und als notwendig
Stellt in sich es der Âtman vor.

14. Geist ist des Innern Zeitmesser,
Die Vielheit der des Äußeren,
Ihr Unterschied liegt nur hierin,
Als Vorstellung sind beide gleich.

15. Undeutlich ist die Welt drinnen
Deutlich die Welt, die draußen liegt;
Dem Sinnorgan nach verschieden,
Sind als Vorstellung beide gleich.

16. Die Seele stellt man vor erstlich,
Sodann der Dinge Sonderheit,
Der äußeren und der drinnen,
Wie man weiß, so erinnert man.

17. Wie ein Strick, nicht erkannt deutlich
Im Dunkeln, falsch wird vorgestellt
Als Schlange, als ein Strich Wassers,
So wird falsch vorgestellt das Selbst (âtman).

18. Wie, wenn der Strick erkannt deutlich,
Und die falsche Vorstellung weicht,
Er nur Strick bleibt unzweiheitlich,
So, wenn deutlich erkannt, das Selbst.

19. Wenn er als Prâna's, als alle
Die vielen Dinge uns erscheint,
So ist das alles nur Blendwerk (mâyâ),
Mit dem der Gott sich selbst betrügt.

20. Prâna-Kennern ist er Prâna's (Vaisheshika's),
Elemente dem, der sie kennt (Lokâyatika's),
Guna-Wissern ist er Guna's (Sânkhya's),
Tattva's ist er dem, der sie kennt (Shaiva's).

21. Viertelwissern ist er Viertel (Mândûkya-Up.),
Sinnlichkeitswissern Sinnlichkeit (Vatsyâyana),
Den Weltraumwissern Welträume (Paurânika's),
Götter den Götterkundigen (Veda-Anhängern).

22. Den Vedawissern ist Veda's,
Den Opferwissern Opfer er,
Genießer denen, die diesen,
Genußobjekt, die dies verstehn.

28. Subtil für solche, die dieses,
Grob für solche, die dies verstehn,
Gestaltet denen, die dieses,
Ungestaltet, die dies verstehn.

24. Zeit ist er für die Zeitwisser,
Für Raumkenner ist er der Raum,
Künste ist er für Kunstkenner,
Weltschichten dem, der diese kennt.

25. Für Manas-Kenner ist Manas,
Für Buddhi-Kenner Buddhi er,
Geist ist er für die Geistwisser,
Recht und Unrecht dem, der sie kennt.

26. Fünfundzwanzigfach für diese (Sânkhya's),
Jenen als sechsundzwanzigster (Pâtanjala's),
Einunddreißigfach für andre (Pâshupata's),
Unendlich gilt für viele er.

27. Welten ist er dem Weltkenner,
Lebensstadien, dem der sie kennt,
Drei-Genushaft den Sprachlehrern,
Andern nied'res und höheres.

28. Für Schöpfungswisser Weltschöpfung,
Für Vergangwisser Weltvergang,
Weltbestand für Bestandwisser, –
So ist alles er allerwärts.

29. Welches Sein man so andichtet
Dem Âtman, dafür hält er sich,
Das hegt er und, zu ihm werdend,
Gibt er ihm sich als Dämon hin.

30. Er selbst ist alle Seinsformen,
Von denen er verschieden scheint, –
Wer dies weiß, wird sich vorstellen
Ohne Sehen, wie es wirklich ist.

31. Wie Traum nnd Blendwerk man ansieht,
Wie eine Wüstenspiegelung,
So sieht an dieses Weltganze,
Wer des Vedânta kundig ist.

32. Kein Vergang ist und kein Werden,
Kein Gebundner, kein Wirkender,
Kein Erlösungsbedürftiger,
Kein Erlöster, der Wahrheit nach.

33. Als unreale Seinsformen
Und als Einer wird er gedacht,
Doch wer sie denkt, ist stets Einer,
Drum die Einheit den Sieg behält.

34. Nicht auf den Âtman stützt Vielheit
Und auch nie auf sich selber sich,
Nicht neben ihm und nicht durch ihn
Kann bestehn sie, das ist gewiß.

35. Furcht, Zorn und Neigung ablegend,
Schaut zweiheitlos und wandellos
Der Weltausbreitung Aufhören
Der Muni, der den Veda kennt.

36. Wer so erkannt der Welt Wesen,
Der halte an der Einheit treu;
Der Zweiheitlosigkeit sicher,
Geht er kalt an der Welt vorbei.

37. Von Preisen frei und Lobsingen,
Ja, auch ohne den Manenkult,
In allem, was da lebt, heimisch,
Lebt er so "wie es eben kommt".

38. Das Wesen in sich selbst sehend,
Das Wesen in der Außenwelt,
Zu ihm werdend, in ihm ruhend,
Halt er treu an dem Wesen fest.

Dritter Teil,
genannt Advaitam, "die Zweiheitlosigkeit"

1. Verehrung das Gebot fordert
Des Brahman als Gewordenen,
Eh' es ward, war es noch nicht da,
Drum armselig Verehrer sind.

2. Was nicht armselig, hört jetzo,
Ungeboren, gleich allerwärts,
Und warum nichts entsteht irgend,
Obwohl entstehend überall.

3. Der Âtman gleicht dem Weltraume,
Der Jîva gleicht dem Raum im Topf,
Die Töpfe sind die Leibstoffe,
Was "entstehn" heißt, dies Gleichnis zeigt.

4. Wenn die Töpfe zugrund gehen,
Was wird dann aus dem Raum im Topf?
Er zergeht in dem Weltraume, –
So der Jîva im Âtman anch.

6. Wie, wenn in einem Topfraume
Staub sich vorfindet oder Rauch,
Nicht alle Räume dies teilen,
So die Jîva's nicht Lust and Leid.

6. Ja, Formen, Wirkungen, Namen
Sind verschieden nach ihrem Ort,
Doch der Raum, den sie einnehmen,
Ist sich gleich, – so die Jîva's auch.

7. Wie der Topfraum vom Weltraume
Kein Produkt ist und anch kein Glied,
So ist der Jîva vom Âtman
Kein Produkt, auch kein Glied von ihm.

8. So wie der Himmelsraum Kindern
[Obwohl farblos,] als blau erscheint,
So scheint behaftet mit Flecken
Unerfahrnen der Âtman auch.

9. Was Sterben und Entstehn angeht,
Fortgehn und Wiederherkommen
Und alle Körper Durchsetzen, –
Ist dem Raume vergleichbar er.

10. Doch traumgleich alle Leibstoffe
Als Trug der Âtman breitet aus;
Weder als gleich, noch als ungleich
An Rang lassen sie denken sich.

11. Als Seele (jîva) in den fünf Hüllen,
So lehrt das Taittirîyakam,
Der höchste Âtman verstockt ist,
Er, den dem Raum verglichen wir.

12. Im Honigteile wird paarweis
Das höchste Brahman aufgezeigt, –
Wie in der Erd' und im Leibe, –
Er, den dem Raum verglichen wir.

13. Wenn die Schrift Jîva und Âtman
Durch Gleichsetzung für eins erklärt,
Verwerfend alles Vielheitsein,
So ist das wahr in vollem Sinn.

14. Doch wenn auch vor der Weltschöpfung
Sie beide auseinander hält,
So gilt das bildlich, nicht wörtlich,
Und nur von dem, was werden soll.

15. Und wenn sie überhaupt Schöpfung
Im Bild von Ton, Erz, Funken lehrt,
So dient dies nur als Lehrmittel,
Denn "nicht ist Vielheit irgendwie".

16. Schüler gibt es in drei Stufen,
Schwache, mittlere, treffliche;
Um ihrer willen, aus Mitleid
Verehrungsobjekt Brahman wird.

17. Auf ihrer Sätze Standpunkt stehn
Zuversichtlich die Zweiheitler,
Doch widersprechen sie selbst sich,
Bei uns fehlt dieser Widerspruch.

18. In Wahrheit ist die Unzweiheit,
Zweiheit nur in der Spaltungswelt;
Sie lehren beiderseits Zweiheit,
Bei uns fehlt solcher Widerspruch.

19. Als Blendwerk nur besteht Spaltung
Jenes Einzigen, Ewigen,
Denn wäre Spaltung in Wahrheit,
Sterblich würde, was ewig ist.

20. Vom ungeword'nen Sein nehmen
Jene Lehrer ein Werden an, –
Was ungeboren, unsterblich,
Wie könnte sterblich werden das!

21. Was unsterblich, kann nicht sterblich,
Was sterblich, nicht unsterblich sein,
Kein Ding kann anders sein jemals,
Als es seiner Natur nach ist.

22. Wenn ein unsterbliches Dasein
Überginge in Sterblichsein,
Nur scheinbar wär' es unsterblich,
Wo bliebe seine Ewigkeit?

23. Von Wahrheit oder Schein redend,
Stets von der Schöpfung Gleiches lehrt
Die Schrift, sicher und grundhabend,
Ist's, wie sie sagt, und anders nicht.

24. "Nicht ist hier Vielheit" so heißt es,
"Durch Blendwerk vielfach Indrâ geht",
"Als ungeboren wird vielfach"
Durch Blendwerk nur geboren er.

25. Durch Bestreitung der Sambhûti
Wird ein Entstehen abgewehrt;
"Wer könnte ihn hervorbringen?"
Dies Wort zeigt ihn als ursachlos.

26. Das Wort: "er ist nicht so, nicht so",
Absprechend alles Sagbare,
Kann, wie die Unerkennbarkeit
Zeigt, auf Ihn sich beziehen nur.

27. Das Seiende kann nicht werden,
Es wäre denn durch Blendwerk nur;
Wer es in Wahrheit läßt werden,
Läßt werden, was schon war vorher.

28. Nicht in Wahrheit, noch als Blendwerk
Kann je entstehn Nichtseiendes;
Ein Sohn der Unfruchtbaren wird
Nicht in Wirklichkeit, noch im Schein.

29. Wie im Traume der Geist regt sich,
Als viel scheinend durch Täuschung nur,
So im Wachen der Geist regt sich,
Als viel scheinend durch Täuschung nur.

30. Als viel erscheint, der nur eins ist,
Im Traum der Geist, – das ist ja klar;
Als viel erscheint, der nur eins ist,
Der wache Geist, – auch das ist klar.

40. Der Geist muß unterdrückt werden,
Damit zuteil dem Yogin wird
Das Furchtlose, das Schmerzlose,
Die Erweckung, die ew'ge Ruh.

41. Wie wenn zerfließt im Weltmeere
Der Tropfen, der am Grashalm hing,
So des Geistes Unterdrückung
Erfolgt ohne Beschwerlichkeit.

42. Man unterdrücke methodisch
Den Geist, den Wunsch und Lust zerstreut,
Ganz ruhig wird er dann schwinden,
Sein Schwinden ist wie Liebeslust.

43. Man weiß, daß alles voll Schmerzen,
Und wendet sich von Wunsch und Lust;
Man weiß, daß alles nur Brahman,
Und sieht nicht das Gewordne mehr.

44. Weckt den Geist, will er nichts werden (einschlafen),
Sammelt ihn, will er sich zerstreun;
Beides wisse man als sündhaft;
Ward er brahmangleich, stört ihn nicht!

45. Freilich schmeckt er dann nicht Lust mehr,
Keiner Begierde sich bewußt;
Sein Denken, ungestört wirkend,
Strebe eifrig zur Einheit hin.

46. Wenn dann weder im Schlaf schwindet
Der Geist, noch auch Zerstreuung sucht,
Dann tritt hervor er als Brahman,
Regungslos und vom Scheine frei.

47. Als frei, beruhigt und leidlos,
Als unaussprechlich höchste Lust,
Als ewig, ewigen Objekts
Allbewußt, schildern Kenner es.

48. Keine Seele entsteht jemals,
Kein Entsteh'n ist der ganzen Welt,
Das ist die höchste Heilswahrheit,
Daß es nirgend ein Werden gibt!

Vierter Teil,
genannt Alâtashânti, "die Beilegung des Feuerbrandes"

1. Der wie Wolken im Weltraume
Die Vielheiten im Einen weiß,
Das Subjekt und zugleich Objekt
Ist, – ihn ehr' ich, den Purusha!

2. Den wir als Ungefühl-Yoga,
Allem Seienden freund und gut,
Widerspruchlos, unanfechtbar,
Aufgezeigt, – ihm Verehrung sei!

3. "Ein Werden ist nur des, was ist",
So sagen manche Denker uns; –
"Nein! des, was nicht ist", so andre,
Gegenseitig in Widerspruch.

4. "Was ist, das kann doch nicht werden!" –
"Was nicht ist, kann auch werden nicht!" –
So streitend, für das Nichtwerden,
Gleich Nichtzweiheitlern, zeugen sie.

5. Uns freut, wenn sie dadurch zeigen,
Daß ein Werden unmöglich ist; –
Daß wir uns nicht, wie sie alle,.
Widersprechen, das höret jetzt.

6. Des Ungewordenen Werden
Nehmen jene Behaupter an,
Doch, was nicht ward, was unsterblich,
Wie könnte sterblich werden das?

7. Was unsterblich, kann nicht sterblich,
Was sterblich, nicht unsterblich sein,
Sein Ding kann anders sein jemals,
Als es seiner Natur nach ist.

8. Wenn ein unsterbliches Wesen
Überginge in Sterblichsein,
Nur scheinbar war' es unsterblich,
Wo bliebe seine Ewigkeit?

9. Wesenseigen, bestandbildend,
Angeboren und ungemacht,
Das eigne Sein nie aufgebend, –
So ist, was "die Natur" (prakrti) man nennt.

10. Ungeboren und unsterbend
Sind Selbstheiten (dharma) dem Wesen nach;
Der ist der Selbstheit unkundig,
Der sie entstehn und sterben läßt.

11. Für wen die Ursach wird Wirkung,
Der läßt werden die Ursache, –
Wie kann, was ewig ist, werden?
Wie, was eigen ist, trennen sich?

12. Wird die Ursache selbst Wirkung,
Dann ist ewig die Wirkung schon,
Und doch wird sie! und ihr Werden
Läßt die Ursach verloren gehn!

13. Neinl Wer das Ew'ge läßt Werden,
Dem steht keine Erfahrung bei; .
Und wer Gewordnes läßt werden,
Verfällt in ewigen Regreß!

14. Wenn ein Erfolg des Grunds Ursprung,
Und der Grund Ursprung des Erfolgs,
Dann wären anfanglos beide,
Grund und Erfolg, wie kann das sein?

15. Wenn ein Erfolg des Grunds Ursprung,
Und der Grund Ursprung des Erfolgs,
Dann ist wohl das Entstehn beider,
Wie wenn der Sohn den Vater zeugt?

16. Grund und Erfolg, wenn entstanden,
Erheischen Reihenfolge doch;
Denn entstehen sie gleichzeitig,
Wie zwei Hörner, so fehlt das Band.

17. Daß aus Erfolgen entspränge
Der Grund selbst, ist beweisbar nicht,
Und ist der Grund unbeweisbar,
Wie kann er wirken den Erfolg?.

18. Wenn aus Erfolg der Grund folgte
Und aus dem Grunde der Erfolg,
Welcher von beiden ist früher,
Und sein Folgen nur relativ?

19. So legt Unmöglichkeit, Unsinn
Und Verwirrung der Zeitordnung,
In die die Gegner stets fallen,
Für das Nichtwerden Zeugnis ab.

20. Der Fall von Samen und Pflanze
Ist nur scheinbar beweisend hier;
Was aber nur beweist scheinbar,
Ist zum Beweisen tauglich nicht.

21. Der Widersinn der Zeitfolge
Bestätigt das Nichtwerden nur;
Da Werdendes zurückweisen
Sicher würde auf Früheres.

22. Nicht aus sich selbst, noch aus anderm
Kann ein Wesen entstehen je;
Nicht als seiend, noch nichtseiend,
Noch als beides, kann es entstehn.

23. Grund und Erfolg, wenn anfanglos,
Schließen das Werden von sich aus;
Wofür es gibt keinen Anfang,
Dafür gibt keinen Anfang es.

24. Wahrnehmung müsse Grund haben,
Weil unmöglich ihr Wechseln sonst,
Auch sei von uns unabhängig
Schmerz und Wahrnehmung, – meinen sie.

25. Wahrnehmung müsse Grund haben,
So beweisen sie künstlich uns, –
Doch daß der Grund keinen Grund hat,
Das lehrt Wesensbetrachtung uns.

26. Der Geist berührt nicht Objekte
Und auch nicht der Objekte Schein;
Wenn unreal die Objekte,
Ist's auch, vom Geist getrennt, ihr Schein.

27. Auch nicht, in den drei Zeitläuften,
Berührt je ein Objekt den Geist;
Grundloser Schein noch viel wen'ger;
Wie könnte werden der zum Grund!

28. Darum ist nirgend ein Werden,
Im Subjekt nicht, im Objekt nicht;
Wer eins von beiden läßt werden,
Der wandelt in den Wolken nur.

29. Weil sonst das Ewige würde,
Ist unwerdend die Wesenheit;
Kein Ding kann anders sein jemals,
Als es seiner Natur nach ist.

30. War' anfanglos der Samsâra,
So könnte er nicht endlich sein;
Wär' die Erlösung anfangend,
Sie könnte nicht unendlich sein.

31. Was nicht vorher und nicht nachher,
Ist auch nicht in der Zwischenzeit;
Obwohl es unwahr ist, wird es
Für nicht unwahr doch angesehn.

32. Des Wachens Tun ist zweckmäßig,
Aber nicht, wenn wir träumen, mehr;
Drum, weil es anfängt und aufhört,
Kann auch es nur auf Trug beruhn.

33. Was im Traume wir wahrnehmen,
Ist irrig, weil im Körper nur;
Wie ließen Dinge sich schauen
In diesem eingeschlossnen Raum?

34. Auch ist die Zeit nicht hinreichend,
Hinzugehen, um sie zu sehn;
Auch finden wir beim Aufwachen
Uns nicht da, wo wir sie gesehn.

35. Und was mit andern man absprach,
Besteht nicht mehr, wenn man erwacht;
Und was im Traume man faßte,
Hält man, erwacht, in Händen nicht.

36. Auch was wir von dem Leib träumen,
Ist unwahr und nicht wie es ist; –
Unwahr wie dieses, ist alles,
Was der Geist nimmt im Wachen wahr.

37. Was wir, wie wachend, wahrnehmen
Im Traum, hat seinen Grund in uns;
So hat in uns seinen Grund auch,
Was wir im Wachen nehmen wahr.

38. Unbegreiflich ist Entstehung;
Alles als ewig lehrt die Schrift;
Nimmermehr kann hervorgehen
Aus Seiendem Nichtseiendes (Werdendes).

39. Nichtseiendes sehn wir wachend;
Das Traumbild ist aus gleichem Stoff:
Nichtseiendes sehn wir träumend;
Wenn wir erwachen, ist es nichts.

40. Nichtsein gebiert doch nicht Nichtsein,
Nichtsein gebiert auch nicht das Sein;
Und auch das Sein gebiert Sein nicht;
Sein kann Nichtsein gebären nicht.

41. Wie man im Wachen aus Irrtum
Unmögliches als seiend faßt,
So auch im Traume aus Irrtum
Sieht man Wesen erscheinen sich.

42. Aus Wahrnehmung und Herkommen
Halten am Realismus sie;
Was sie kennen ist nur Werden,
Zurückschreckend von dem, was ist.

43. Manche, vom Sein zurückschreckend,
Wenn auch nicht bloße Wahrnehmler,
Des Werdens Mängel nicht meiden;
Mängel bleiben es, wenn auch klein.

44. Durch Wahrnehmung, durch Herkommen
Heißt auch ein Blendwerk Elefant;
Durch Wahrnehmung, durch Herkommen
Heißt auch das Ding ein seiendes.

45. Werden ist Schein, Bewegung Schein,
Das Dingliche ist bloßer Schein;
Nichtwerdend, unbewegt, dinglos,
Still, zweiheitlos die Wahrheit ist.

46. So ist kein Werden im Subjekt,
Im Objekte kein Werden ist;
Wer dieses hat erkannt einmal,
Fällt nicht zurück ins Gegenteil.

47. Wie Funkenschwingung den Schein gibt
Grader und krummer Linien,
So den Schein Bewußtseinsschwingung
Von Auffassen und Auffasser.

48. Wie ungeschwungen der Funke
Nicht erscheint, nicht entsteht (als Kreis),
So Bewußtsein ungeschwungen
Erscheint nicht und entsteht auch nicht.

49. Schwingt der Funke, so kommt der Schein
Nicht von außen her irgendwie,
Nicht von anderm als dem Schwingen,
Nicht ist Zuwachs dem Funken er.

50. Auch nicht entflieht er dem Funken,
Weil er nicht hat ein Wirklichsein,
Ebenso ist's beim Erkennen,
Denn auch dieses ist bloßer Schein.

51. Schwingt Erkenntnis, so kommt der Schein
Nicht von außen her irgendwie,
Nicht von anderm als dem Schwingen,
Nicht ist Bewußtseinszuwachs er.

52. Nicht entflieht er dem Bewußtsein,
Weil er nicht hat ein Wirklichsein;
Weil Verursachtsein unwirklich,
Ist als wirklich undenkbar er.

53. Ein Ding, so meint man, sei Ursach
Des Daseins für ein andres Ding,
Doch für die Wesenheit gibt es
Kein Dingsein und kein Anderssein.

54. Weder aus Geist entspringt Dasein,
Noch aus Dasein entspringt der Geist;
Drum nehmen Weise kein Werden
Des Grunds oder Erfolges an.

55. Wer noch Grund und Erfolg annimmt,
Dem entstehn aus einander sie;
Wer frei von dieser Annahme,
Für den entstehen sie nicht mehr.

56. Wer noch Grund und Erfolg annimmt,
Für den streckt der Samsâra sich;
Wer frei von dieser Annahme,
Der ist auch vom Samsâra frei.

57. Wer geistumnachtet, sieht werdend
Alles, ein Ew'ges kennt er nicht;
In Wahrheit alles ist ewig,
Vernichtetwerden gibt es nicht.

58. Die Wesenheiten, die werden,
Die werden nicht in Wirklichkeit;
Ihr Entstehen ist nur Blendwerk,
Und Blendwerk ist nicht Wirklichkeit.

59. Wie, wo der Same nur Blendwerk,
Auch die Pflanze ein solches ist,
Nicht wesenhaft noch austilgbar,
So steht's mit allen Dingen hier.

60. Da alle Dinge nicht wirklich,
Gibt nicht Dauer es noch Vergang;
Wo alle Farben wegfallen,
Ist keine Unterscheidbarkeit.

61. Wie in des Traumes Scheinvielheit
Der Geist irrtümlich ist verstrickt,
So in des Wachens Scheinvielheit
Ist irrtümlich der Geist verstrickt.

62. Wie träumend eine Schein-Vielheit
Erblickt der vielheitlose Geist,
So wachend eine Schein-Vielheit
Erblickt der vielheitlose Geist.

63. Was man, im Traum umherschweifend
In allen Himmelsgegenden,
An Tieren, Vögeln, Insekten
Nur immer wahrzunehmen meint,

64. Das besteht nirgendwo anders
Als im Geiste des Träumenden;
Drum alles, was er dann sieht, ist
Nur Bewußtsein des Träumenden.

65. Was man, wachend umherschweifend
In allen Himmelsgegenden,
An Tieren, Vögeln, Insekten
Nur immer wahrzunehmen meint,

66. Das besteht nirgendwo anders
Als im Geiste des Wachenden;
Drum alles, was er dann sieht, ist
Nur Bewußtsein des Wachenden.

67. Das Ding und seine Vorstellung
Bedingen gegenseitig sich;
Bestandlos ist für sich jedes,
Nur im Bewußtsein stehn sie da.

68. Wie wir von einem bloß träumen,
Daß er geboren wird, und stirbt,
So sind all diese Weltwesen
Wirklich und doch auch wirklich nicht.

69. Wie wir im Wahngebild schauen,
Daß einer lebt und wieder stirbt,
So sind all diese Weltwesen
Wirklich und doch auch wirklich nicht.

70. Wie Zauberkunst uns läßt schauen,
Daß einer lebt und wieder stirbt,
So sind all diese Weltwesen
Wirklich und doch auch wirklich nicht.

71. Keine Seele entsteht jemals,
Kein Entstehn ist der ganzen Welt;
Das ist die höchste Heilswahrheit,
Daß es nirgend ein Werden gibt.

72. Was zweifach als Subjekt-Objekt
Scheint, ist Bewußtseinsschwingung nur;
Der Geist ist ewig objektlos,
"An ihm haftet nichts", lehrt die Schrift.

73. Wie es künstlich durch Annahme,
So ist es nicht in Wirklichkeit;
Was andre Schulen annehmen,
Ist für sie, nicht in Wirklichkeit.

74. Was als ewig sie annehmen
Künstlich, ist wirklich ewig nicht;
Das Resultat andrer Schulen
Zeigt als Irrtum und werdend es.

75. An das, was nicht ist, Anpassung
Beweist nicht, daß es Zweiheit gibt;
Ist ihr Nichtsein erkannt, dann fällt
Die Anpassung als zwecklos weg.

76. Wenn man nicht annimmt Ursachen
In allen Reichen der Natur,
So auch nicht ihre Vorstellung;
Mit der Ursach' die Wirkung fällt.

77. Geist ist grundlos; das Nichtwerden,
Zweiheitlos, ist ihm eigen stets;
Geisterscheinung nur ist Zweiheit
Des Ewigen, das alles ist.

78. Grundlosigkeit als wahr wissend,
Verwerfend Einzel-Ursachen,
Gelangt man zu dem furchtlosen,
Wunschlosen, kummerlosen Ort.

79. Sich anpassend dem, was nicht ist,
Bleibt in solches verstrickt der Geist;
Der Dinge Nichts erkannt habend,
Kehrt er zum Anhaftlosen sich.

80. Wer dies ergreift und nicht läßt mehr,
Des Stand bleibt unbeweglich dann;
Der.Weisen Ziel ist dies ew'ge
Zweiheitlose Identischsein.

81. Das schlummerlose, traumlose
Ew'ge ist dann sich selber Licht;
"Für immer licht" ist dies Wesen,
Ist diese Wesenheit an sich.

82. Gar leicht verbirgt er uns immer,
Gar schwer enthüllt sein Wesen er,
Solang wir einzeln auffassen
Die Dinge, – er, der heilige.

83. "Er ist!" "Ist nicht!" "Ist und ist nicht!"
"Er ist nicht nicht!" so denkend ihn
Unstät, stät, zwiefach, neinsagend,
Verbirgt sein Wesen sich der Tor.

84. Durch dieser vier Gesichtspunkte
Verfolgung bleibt verborgen stets
Der Heil'ge, unberührt durch sie, –
Doch allschauend ist, wer ihn schaut.

85. Wer voll besitzt die Allschauung,
Den zweiheitlosen Brahman-Ort,
An dem nicht Anfang, Mitt', Ende,
Dem bleibt nichts zu erstreben mehr.

86. Das heißt echte Gemütsruhe,
Das ist die wahre Priesterzucht,
Das ist der Selbstnatur Zähmung,
Wer sie kennt, geht zur Ruhe ein.

87. Wahrnehmunghaft und objekthaft
Ist die zweithafte Weltlichkeit (Wachen);
Wahrnehmunghaft und objektlos
Ist geläuterte Weltlichkeit (Traum).

88. Wahrnehmunglos und objektlos,
Das heißt die Überweltlichkeit;
Ihr Subjekt ist zugleich Objekt,
So lehrten Weise aller Zeit.

89. Subjekt und die drei Objekte
Stufenweis als in sich erkannt, –
Daraus entsteht die Allschauung,
Allerwärts des Hochsinnigen.

90. Erst frage man: was soll werden
Geflohn, erkannt, erlangt und reif?
Für's Erkennen gilt Wahrnehmung,
Und so auch für die andern drei,

91. Alle Wesen sind ursprünglich
Unbegrenzt und dem Baume gleich,
Und nicht ist irgendwo Vielheit
Unter ihnen, in keinem Sinn.

92. Alle Wesen sind ursprünglich
Urerweckte (âdibuddha), das ist gewiß; –
Wer dieses sich genug sein läßt,
Der ist reif zur Unsterblichkeit.

93. Sie alle sind auch ursprünglich
Urberuhigt, voll Seligkeit;
Sich gleich alle und unteilbar,
Ew'ge, reine Identität.

94. Doch diese Reinheit ist nicht mehr,
Wenn sie vielfach zersplittern sich;
Vielheitversunken, zwiespältig
Heißen darum armselig sie.

95. Doch wem hier zur Gewißheit ward
Die ewige Identität,
Der weiß in dieser Welt Großes,
Die Welt aber versteht es nicht.

96. Wissen des Ew'gen ist ewig
Auch, mit nichts sonst befassend sich;
Als nichtbefassend sich, heißt dies
Wissen das unanhaftende (4,72. 79).

97. Doch wo die kleinste Ungleichheit
Für wahr hält der unweise Geist,
Da ist weder Nichtanhaftung
Noch Weichen der Verdunkelung.

98. Alle Seelen sind ursprünglich
Frei vom Dunkel und fleckenlos,
Urerweckt schon und urerlöst
Erwachen sie, der Meister spricht.

99. Wie die Sonne durch sich leuchtet,
So Wissen ohne Dinge auch;
Alle Dinge sind nur Wissen, –
Unsagbar dem Erweckten selbst.

100. Die dunkle, überaus tiefe,
Ew'ge, reine Identität,
Der Einheit Stätte nach Kräften
Erkannt habend, verehren wir!